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Globalisierung und Öffentlichkeit

Redebeitrag von attac campus münster anlässlich des 100. Geburtstages der Frauenstraße 24

Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen, liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde,
Ich stehe hier als Vertreter von attac campus münster, als ein Teil des weltweiten Netzwerks der Globalisierungskritiker, und rede anlässlich des 100 jährigen Bestehens der Frauenstrasse, als ein kulturelles und politisches Ballungszentrum.
Was liegt also näher, als über das Verhältnis der Frauenstrasse im Besonderen und soziokultureller Räume im Allgemeinen zur Globalisierung zu sprechen.
Globalisierung in ihrer kapitalistischen Form bedeutet vor allem das Verschwinden selbstorganisierter Kultur und freier, zwangloser Öffentlichkeit. In den Städten kann man nur noch einkaufen und arbeiten, Shopping Malls und einseitig auf Konsum ausgerichtete Strukturen prägen das Bild der Städte auf der ganzen Welt –Mc Donalds und H & M gibt es weltweit, sie bestimmen Geschmack und Kultur der Menschen. In dieser Globalisierung sind die Menschen nicht das Subjekt des weltweiten Zusammenschlusses, sie sind das Objekt der Konzerne und Spielball der globalen Marktprozesse. Durch das Verschwinden der Öffentlichkeit verschwindet das politische Subjekt und ein inhaltlich qualitativer Diskurs. Ein politisches Ziel von attac campus ist der Kampf um öffentliche Räume, die frei vom kapitalistischen Markt sind und in denen Menschen sich begegnen und sich über ihre politischen Verhältnisse verständigen können. Das ist eine wesentliche Voraussetzung für die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Die Frauenstraße als soziokulturelles Zentrum ist ohne Zweifel ein Beispiel für einen Ort freier zwangloser politischer Diskussion,
sie ist ein wichtiger Ort politischer Öffentlichkeit in Münster,
einige der wenigen Orte hier in Münster überhaupt.
Man merkt das, wenn man die Frauenstrasse mit anderen Einrichtungen vergleicht, mit anderen Cafes oder Kneipen, wo ein gewisses Styling dazuzugehören scheint und wo die Missachtung solcher Konventionen den Ausschluss aus dieser Gemeinschaft bedeuten würde.
Die städtische Lebenskultur in den kapitalistischen Metropolen ist – und wie sollte es in Münster anders sein – von einem Vorrang des Privaten geprägt. Diese Fetischisierung des Privaten führt aber nicht zu mehr Nähe oder Wärme, was sich die Menschen so sehr wünschen, die Gleichgültigkeit den gesellschaftlichen Verhältnissen gegenüber birgt auch im Privaten Kälte und Teilnahmslosigkeit des atomisierten Marktteilnehmers in sich.
Politische, gesellschaftliche Themen sind in der Alltags- und Freizeitwelt fast schon tabuisiert.

Das ist in der Frauenstrasse anders. Sie ist aber dabei auch so offen, dass sich hier ein breites Spektrum trifft und sich das Publikum nicht nur auf eine total geschlossene linke Szene beschränkt.

Die kapitalistische Globalisierung erzeugt aber interessanterweise auch ihr Gegenteil, den Widerstand gegen sie. Inmitten der marktförmigen Globalisierung der Konzerne schlummert eine andere, die menschliche und soziale Globalisierung, die solidarische Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen.
Attac steht dafür, die Globalisierung menschlicher und sozialer zu gestalten, indem das weltweit operierende Kapital besteuert und bei der Lösung sozialer Probleme in die Pflicht genommen werden soll. Insofern ist Attac Teil einer Gegenbewegung gegen eine einseitig ökonomisch ausgerichtete Globalisierung, die von den Staatschefs der wichtigsten Industrieländer zunächst forciert wird. Eine Vielzahl von Mythen begleitet diese globalisierte Welt.
Die Globalisierung sei ein Sachzwang, dem man nicht ausweichen könne, das Kapital würde abwandern, wenn man es besteuert,
Löhne müssten gesenkt und Sozialleistungen abgebaut werden, Studiengebühren erhoben und Hochschulen privatisiert werden.
Attac steht für die Alternativen zu so einer Politik und diese Alternativen gibt es. Denn eine Vielzahl dieser Mythen wurden in die Welt gesetzt, um die Verwertungsbedingungen des Kapitals zu verbessern und die seit vielen Jahren stattfindende Umverteilung von unten nach oben weiter voranzutreiben.

Diese Politik der ökonomisch Herrschenden und ihrer bezahlten Think-Tanks wirkt sich auch auf den Hochschulbereich aus.
Schon lange kämpfen politisch bewusste Studierende gegen Studiengebühren, Rückbau der studentischen Mitbestimmung und einer Verschulung des Studiums. In der gesamten studentischen Praxis der letzten Jahre fehlen aber wichtige Elemente einer wirksamen politischen Arbeit. In unserer hochschulpolitischen Gruppe, attac campus münster, wollen wir die Zusammenhänge erkennen, in denen die Zurichtung der Hochschule und die von der Politik betriebene Vernichtung von Bildung stehen.
Links zu sein bedeutet für uns, Analyse und Aktion aufeinander zu beziehen. Wir haben dabei keine dogmatisch letztgültigen Wahrheiten, aber wir sind der festen Überzeugung, dass Hochschulpolitik ohne eine fundierte Gesellschaftskritik nicht möglich ist. In guter Attac Tradition sehen wir uns dabei innerhalb einer weltweiten globalisierungskritischen Bewegung.

Auch hier in der Frauenstrasse ist der Internationalismus ein wichtiger Bestandteil. Hier begegnen sich Menschen aus den verschiedensten kulturellen Zusammenhängen, um gemeinsam Ideen kultureller oder politischer Art zu entwickeln und zu verwirklichen.In diesem Mikrokosmos der Frauenstrasse wird bereits eine andere, menschlichere Globalisierung gelebt, die sich vor allem durch eine solidarische und offene Haltung gegenüber Menschen der verschiedensten sozialen und kulturellen Herkunft auszeichnet.

Es ist unsere Aufgabe derartige Räume für politischen und kulturellen Austausch zu erweitern, um den Widerstand gegen eine Knechtschaft des Menschen durch den globalen Finanzmarkt tiefer zu verwurzeln und damit zu festigen UND um Alternativen zu entwickeln. Die Erschließung neuer soziokultureller Räume und die Vernetzung derselben stellt eine Notwendigkeit dar, die tief mit den zentralen Zielen unserer Politik verwoben ist. Mit dieser Feststellung, die gleichzeitig darüber hinaus einen Leitfaden für unsere Politik darstellen soll, möchte ich hier zum Schluss kommen und den hier Anwesenden im Namen von attac campus münster herzlich für ihre Aufmerksamkeit danken.

Diese Rede wurde am 10. September 2005 von Florian Erlemann in der Frauenstraße 24 gehalten. Geschrieben hat sie Tobias Fabinger.

wer wir sind und was wir wollen!

andereweltDie bisher leider nur schwache Protestbewegung der Studierenden gegen Bildungs- und Sozialabbau hat deutlich gemacht, wie wichtig es ist, sich gemeinsam für eine demokratische und sozial gerechte Gesellschaft einzusetzen.
Neoliberale, aber auch konservative Strömungen und Interessen versuchen seit geraumer Zeit die aus den siebziger Jahren stammenden Errungenschaften des freien Zugangs zur Bildung zu revidieren.

Diesem Sozialkahlschlag und politischem Druck wurde bisher nur halbherzig und unzureichend entgegengetreten.
Das sollte und das muss sich ändern!
Ein breites Bündnis der demokratischen Linken hat sich mit im Kern übereinstimmenden Forderungen als attac campus münster zusammengeschlossen, gerade um den allgemeinpolitischen Forderungen des Netzwerks attac einen hochschulpolitischen Ausdruck zu verleihen.
Die Initiatoren von attac campus münster beabsichtigen, eine gemeinsame Liste für die Wahlen zum Studierendenparlament aufzubauen.

attac campus münster versteht sich als parteiunabhängige, emanzipatorische und radikaldemokratische Hochschulgruppe.
Wir sind Teil des weltweiten, globalisierungskritischen Netzwerks von attac.
attac campus münster fordert den freien und gleichen Zugang zur Bildung für Alle!
An den Hochschulen bedeutet das konkret: Keinerlei Zugangsbeschränkungen in Form von NCs, Losverfahren oder Auswahlgesprächen, keinerlei Studiengebühren in jedweder Form (dies beinhaltet auch nachgelagerte Modelle wie die „Akademikersteuer“).
Bildung ist ein öffentliches Gut und darf nicht an wirtschaftlichen Kosten/Nutzen Relationen und kapitalistischen Verwertungsinteressen ausgerichtet werden!
An den Hochschulen soll Persönlichkeitsbildung, kritische Lehre und freie Forschung stattfinden, die für die Ausprägung einer demokratischen Gesellschaft unabdingbar sind.
Die Kürzungen im Bildungsbereich stehen im Widerspruch zu diesem Verständnis und haben eine weitere Verschlechterung der Qualität zur Folge.

Dadurch wird privaten Anbietern der Zugang zum Bildungssektor ermöglicht, von dem sie sich hohe Profite versprechen.
Das betrifft nicht nur die zunehmende Verbreitung von Elite- und Privatuniversitäten, sondern auch die Drittmittelfinanzierung von Schulen und Hochschulen, und die damit verbundene Einflussnahme von Wirtschaftsunternehmen auf Bildungsinhalte.
Damit in Zukunft nicht wahllos über die Köpfe der Studierenden hinweg entschieden wird, ist eine nachhaltige Demokratisierung der universitären Gremienstrukturen anzustreben.
Auch wehren wir uns in diesem Zusammenhang gegen alle Formen sozialer Kontrolle und Disziplinierung, wie Videoüberwachung oder Chipkartensystem u.ä..
Das politische Mandat für die Verfasste Studierendenschaft muss wiedereingeführt werden, um auf gesellschaftliche Prozesse Einfluss zu nehmen und diese positiv verändern zu können.
Die derzeitigen Umstrukturierungen und Kürzungen des Bildungs- und Sozialwesens in Deutschland sind kein isoliertes Problem, sondern stehen im Kontext einer neoliberalen, kapitalistischen Logik.

Auf Bundesebene wird diese beispielsweise über die so genannte Agenda 2010 umgesetzt, doch auch in Europa und darüber hinaus sind Menschen von zunehmender Ausbeutung, Sozialabbau und Einkommensdiebstahl betroffen.
Immer mehr entziehen sich die Regierenden ihrer Verantwortung und treiben die Privatisierung öffentlicher Güter voran.
Auch das GATS (General Agreement on Trade in Services) ist hier ein Instrument, nicht nur um den Handel mit Dienstleistungen zu liberalisieren, sondern öffentliche Güter wie Bildung, Gesundheits- und Wasserversorgung zu privatisieren.
Die GATS-Vereinbarungen wurden ohne die Einbeziehung der Öffentlichkeit in einem höchst undemokratischen Prozess über die Köpfe der Betroffenen hinweg durchgesetzt.
Wenn diese Vorgaben implementiert werden, haben nur diejenigen Zugang zu öffentlichen Gütern, die es sich leisten können.

Wir stellen uns gegen die nun sichtbar werdenden negativen Entwicklungen der Globalisierung und solidarisieren uns mit den weltweiten Protestbewegungen gegen Sozialabbau, Umweltzerstörung und Krieg.
Um diesen Worten auch Taten folgen zu lassen, müssen wir aktiv daran arbeiten, diesem inhumanen Globalisierungswahn mit seinen verheerenden Auswirkungen auch an der Universität den Spiegel vorzuhalten.
Dabei wehren wir uns entschlossen gegen Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und autoritäre Ansätze!

Hochschulgruppe attac campus münster trifft sich

im Internationalen Zentrum der Uni Münster "Die Brücke", Wilmergasse 2, 1. OG, Raum 107 mittwochs um 20.30 Uhr.

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